Übergewicht
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| BMI | Bewertung |
| Unter 18.5 | Untergewicht |
| 18.5 – 24.9 | Normalgewicht |
| 25.0 – 29.9 | Übergewicht |
| 30.0 – 34.9 | Adipositas Grad I |
| 35.0 – 39.0 | Adipositas Grad II |
| über 40.0 | Adipositas Grad III |
Ein BMI < 25 gilt als Normalgewicht
und rechtfertigt keine Maßnahmen zur Gewichtsreduktion, auch wenn diese von
Betroffenen häufiger gewünscht wird.
Erst ein BMI ab 25 stellt eine
Indikation zur Gewichtsabnahme dar, da hiermit – neben einem erheblichen
psychosozialen Leidensdruck – gesundheitsbezogene Risikofaktoren, wie Diabetes
mellitus Typ II, Hypertonie, Hyperlipidämien etc., verbunden sind.
Betrachtet wird auch das androide
Fettverteilungsmuster (Quotient aus Taillen- und Hüftumfang; waist/hip ratio =
WHR). WHR > 0.85 bei Frauen und WHR > 1.0 bei Männern beschreibt die
androide Fettverteilung mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko.
Nach einer Untersuchung des
Bundesgesundheitsministeriums (1994) sind 20 % der Erwachsenen und 5 % der
Kinder behandlungsbedürftig adipös.
Die Wahrscheinlichkeit, Übergewicht zu
entwickeln, steigt mit dem Alter an.
2. Störungstheorien
Grundsätzlich ist die biologisch
regulierte Veranlagung, bei positiver Energiebilanz Fettreserven zu bilden, die
bei knappen Energieressourcen ein Überleben ermöglichen, keine Störung,
sondern eine geniale Optimierung von Stoffwechselprozessen im Verlauf der
Evolution. Erst der Überfluss entwickelt dass Fettspeicherprogramm zu einem
krankmachenden Mechanismus.
Die Therapie des Übergewichts verfolgt somit das Ziel, evolutionsbiologische Regulationssysteme zu entschärfen; es wird eine Situation behandelt, in der sich ein primär zweckvolles biologisches Prinzip als Störung herausstellt. Das macht die Therapie nicht einfach, weist darauf hin, dass nur eine sehr langfristige Behandlung des Übergewicht s eine Wirkung haben kann.
Die Frage `Warum essen Übergewichtige
überhaupt zu viel?` wurde Ende der 60-er Jahre von der Medizin an die
Psychologie zur Beantwortung weiter gereicht, da alle Reduktionsdiäten zwar
eine Gewichtsabnahme zeigten, die aber häufig sehr schnell zu einer
Wiederzunahme führte. Was machen die Patienten mit Übergewicht falsch? Was fördert
bei diesen Patienten das Überessen? Ist es ein kompensatorisches Verhalten auf
Grund seelischer Konflikte, also „Kummerspeck“?
Bei darauf folgenden Untersuchungen
zeigte sich, dass Menschen mit Übergewicht in ihren psychologischen Befunden
genauso unterschiedlich sind wie Normalgewichtige. Natürlich ist davon
auszugehen, dass Übergewichtig
e, wie andere Personen auch, unter psychischen Störungen
leiden können. Ob in solchen Störungen aber die psychogenetischen
Voraussetzungen für die Manifestation eines Übergewichts zu erkennen sind,
wird durch empirische Befunde nicht gestützt. Lediglich die „Binge Eater“
stellen eine Untergruppe der Adipösen dar, die an einer Essstörung leiden. Die
Binge Eating Disorder (BED) ist eine Essstörung, die Heißhungerattacken
beschreibt, auf die aber nicht – wie bei der Bulimia nervosa – mit
kompensatorischem Verhalten (z. B. Erbrechen, Diuretika, Laxantien, intensivem
Sport) reagiert wird.
Empirisch belegt ist, dass Menschen, die
eine (weitere) Gewichtszunahme verhindern wollen, dazu neigen, ihr eigenes
Essverhalten zu zügeln. Dies kann zur Entwicklung von rigiden
Verhaltenskontrollen (z. B. „Ich esse nie mehr Schokolade!“) führen,
die als Selbsthilfemaßnahmen verstanden werden können, mit denen ein Mensch
„kognitiv vernünftig“ versucht, seine Essprobleme zu lösen. Leider sind
rigide Verhaltenskontrollen aber sehr störanfällig, bei der kleinsten Überschreitung
brechen sie völlig zusammen, der Betroffene fällt ins andere Extrem („Jetzt
ist auch alles egal!“). Damit führt eine rigide Verhaltenskontrolle zur
Destabilisierung des Verhaltens und verschärft letztendlich die
Verhaltensprobleme bei Essen und Trinken.
An einer genetischen Disposition des
Übergewicht
s
kann – belegt durch verschiedene empirische Studien – nicht mehr gezweifelt
werden. Allerdings reicht die genetische Anlage als Erklärungsmodell für Übergewicht
allein nicht aus. Umweltfaktoren (z. B. psychisch belastende Lebensereignisse,
Bewegungsarmut, fettreiche Ernährung) und Genetik wirken in Interaktion
zusammen.
Ungeklärt ist bis heute, warum Menschen
mit Übergewicht eher fettreiche, aber kohlenhydratarme Kost bevorzugen. Denkbar
ist, dass die Nahrungswahl der Übergewichtig
en auch durch die Ernährungsaufklärung
beeinflusst wird, die Kohlenhydrate, insbesondere Zucker, eher als
„Dickmacher“ propagiert hat. Möglich ist auch, dass eine genetische
Disposition für die Fettpräferenz besteht.
Vielfach sind Medikamente verschiedener
Art für eine Gewichtszunahme verantwortlich, was in der Diagnostik sorgfältig
zu berücksichtigen ist. Außerdem ist es wichtig, dass verschiedene körperliche
Erkrankungen (z. B. Hormonstörungen) Übergewicht verursachen können, diese
sind in der Diagnostik auszuschließen.
3. Behandlung
Da gerade Maßnahmen, die eine schnelle
Gewichtsabnahme erzwingen (z. B. Null-Diät), häufig zu einer anschließenden
Wiederzunahme führen – sogar über das Ausgangsgewicht hinaus (Jojo-Effekt),
verfolgt die Behandlung des Übergewicht
s seit Jahren nicht mehr primär das Ziel der maximalen Gewichtsreduktion,
sondern das Ziel einer langfristigen Stabilisierung des reduzierten Gewichts.
Dies erscheint auch deshalb ein
wichtiges Ziel, da Übergewicht häufig mit einer Vielzahl anderer Krankheiten
verbunden ist, die in der Regel durch eine nachhaltige Gewichtsreduktion
gebessert oder manchmal geheilt werden können (z. B. Bluthochdruck,
Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus Typ II, Hyperurikämie, Schlafapnoe,
Fettleber, Refluxösophagitis, Wirbelsäulensyndrom, erhöhtes Risiko für
Endometrium-, Zervis-, Prostata- und Gallenblasenkarzinom, reduzierte Fertilität,
Komplikationen bei und nach einer Geburt).
Um eine adäquate Therapie übergewichtiger Personen gewährleisten zu können, sollten - nach Bestimmung
des Body Mass Index (BMI), der Fettverteilung (bei einem BMI < 30),
adipositasbedingter Risikofaktoren – eine Gewichtsanamnese (zur Erfassung von
Erfahrungen, Einstellungen und Vorstellungen des Pat.) erhoben und der
psychosoziale Leidensdruck abgeschätzt werden.
Notwendig und sinnvoll ist auch zu
Beginn der Therapie eine Verhaltensdiagnostik, die erkennen lässt, wie die Ernährungsweise,
das Essverhalten und Kontrolle/Störbarkeit im Essverhalten des Patienten
charakterisiert sind, und ob neben dem Übergewicht eine Binge Eating Disorder (BED) vorliegt.
Aus psychologischer Sicht kommt zudem
der Klärung der Motivation des Patienten eine große Bedeutung zu. Patienten
ohne eigenen Abnahmewunsch können nicht erfolgreich behandelt werden.
Diese erhobenen Daten dienen als Grundlage für die weiteren therapeutischen Schritte.
Die gegenwärtig etablierten,
wissenschaftlich gesicherten Konzepte zur Behandlung der Patienten mit Übergewicht
sind als Kombinationstherapien zu verstehen. Sie basieren alle auf einer
umfassenden, langfristigen Verhaltens- und Bewegungstherapie und beziehen auch
Medikamente oder Formula Diäten (Nährstoffgemische nach gesetzlichen Vorgaben
der Diätverordnung) mit ein. Das Prinzip der Wechselwirkung von Umwelt und
Genetik muss vom Patienten verstanden werden. Es sollte eine langfristige
therapeutische Nachbetreuung erfolgen.
Eine stationäre Behandlung bietet sich
dann an, wenn sich jemand mit Übergewicht unter Alltagsbedingungen kaum in der Lage sieht, neues Verhalten (über
einen bestimmten Zeitraum) auszuprobieren. Wie oben schon erwähnt, kann eine
stationäre Behandlung bei Übergewicht /
Adiposi
tas
4. Therapeutische Angebote in dieser
Klinik
Die
Klinik am Homberg, Bad Wildungen, versucht nach einer individuell abgestimmten
ärztlichen und psychotherapeutischen Eingangsdiagnostik, über ihr (im
Folgenden näher beschriebenes) Behandlungsangebot jedem Pat. mit Übergewicht
in seinen Therapieerfordernissen (somatisch, psychotherapeutisch,
medikamentös) gerecht zu werden.
Unter
Berücksichtigung des sonstigen Krankheits- und Beschwerdebildes des Patienten
wird ein balneophysikalisches und sporttherapeutisches Behandlungsprogramm
zusammengestellt.
Bezüglich
der Psychotherapie bietet die Klinik mit ihrem tiefenpsychologisch orientierten
und verhaltenstherapeutischen Konzept die Möglichkeit, beide Verfahren zu
kombinieren. Wenn ein Pat. in einem Verfahren bereits Vorerfahrungen hat, können
wir daran anknüpfen. Es gibt ein Gruppentherapieangebot, das durch
einzeltherapeutische Gesprächskontakte ergänzt oder – wenn erforderlich –
ersetzt werden kann.
So können
in einer interdisziplinären
Adipositasgruppe auf einer symptomorientierten Ebene psychophysiologische Zusammenhänge
des Essverhaltens / Übergewicht
es und Möglichkeiten der Gewichtsreduzierung
erarbeitet werden, parallel können im Rahmen der Teilnahme an anderen
Gruppenangeboten (kognitiv-verhaltenstherapeutische oder psychoanalytisch-interaktionelle Gesprächsgruppe, beides in Kombination mit
Kreativverfahren) relevante biografische Aspekte, belastende Lebensereignisse
und – bedingungen herausgearbeitet werden, die eine ungünstige Wirkung auf
das Essverhalten der Patienten mit Übergewicht haben. Ein dadurch erzieltes
tiefergehendes und differenzierteres Verständnis für die Notlage des
Betroffenen mit Übergewicht dient als Grundlage zur Formulierung und Umsetzung
konkreter individueller Behandlungsziele (z. B. Verarbeitung belastender
Lebensereignisse, Förderung adäquater Stressbewältigungsstrategien); ein
Erreichen dieser individuellen Ziele soll letztlich ebenfalls ein verändertes
Ess- und Bewegungsverhalten zur Folge haben und damit die langfristige
Stabilisierung eines reduzierten Gewichts ermöglichen.
Literatur:
Davison, G. C., Neal, J. M.; Hautzinger, M. (Hrsg.) (2002). Klinische Psychologie. Weinheim: Verlagsgruppe Beltz, Psychologie Verlags Union.
Ferstl, R., de Jong, R., Brengelmann, J. C.. Verhaltenstherapie des Übergewichts – ein Modellversuch zur Selbstkontrolle des Essverhaltens -. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Band 45. Stuttgart: W. Kohlhammer.
Pudel, V. (2003). Adipositas. Band 19. Göttingen: Hogrefe.
A. Meyer
Psychologische Psychotherapeutin
Ltd. Psychologin
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